Die alten Männer und das Meer

Die alten Männer und das Meer

Ursprünglich wollte ich diesem Thema noch einen Zusatz beifügen: „Die alten Männer und das Meer- oder wenn die Pinne zum Krückstock wird“. Aufgrund des eigenen, fortgeschrittenen Alters habe ich dann doch lieber auf eine Erweiterung in der Headline verzichtet… Meine Beobachtungen der letzten Monate, sind aber – wie ich finde – durchaus einen kurzen Artikel im Blog wert.

Was mir in den Häfen und bei Landgängen ab Nordspanien über Portugal bis Südspanien aufgefallen ist, betrifft die älteren Bewohner dieser Landstriche. Im Gegensatz zu Deutschland ist auffällig, dass sich viele Rentner deutlich mehr Mühe in Sachen Mode und äußeres Erscheinungsbild geben. Auch wenn die finanziellen Mittel mit Sicherheit sehr beschränkt sind, so trägt der Mann gern Anzugshosen mit Hemd und festes, gepflegtes Schuhwerk. Ohne gründliche Rasur inklusive duftendem Aftershave wird hier nicht aus dem Haus gegangen auch nicht, wenn es nur kurz zum Supermarkt gehen soll. Da kommt man sich in den Flip Flops, kurzen Hosen und T-Shirts mit Resten des Frühstücks drauf schon etwas schäppig vor und bringt nur ein devotes „buenas dias“ hervor. Die physische Konstitution vieler Einheimischer regt einen ebenfalls zum Nachdenken an. Wenn man an der Promenade umherschlendert und von mehreren Damen und Herren 60+ im Sportdress und rennenderweise überholt wird, drängt sich die Frage auf: „Warum habe ich eigentlich meine Sportschuhe mit? Und wo sind die überhaupt??“ Klar- auch in Spanien oder Portugal ist der Fitnesstrend nicht allgegenwärtig, aber auffällig ist es schon. In der Vorderreihe, der Flaniermeile von Travemünde, ist mir der sportive Ansatz der „Oldies“ zumindest nicht ins Auge gesprungen. Verschiedene Gemeinden haben auch bei uns in Deutschland an strategisch günstigen Plätzen festinstallierte Fitnessgeräte aufgestellt, aber noch nie habe ich dort (bis auf einige Kinder) jemanden gesehen, der ein ernsthaftes Workout betrieben hätte. Hier in La Linea muss man fast Schlange stehen, um an eines der simplen Geräte zu kommen. Die ernsthaften Mienen und teilweise auch verbitterten Gesichtsausdrücke, wie ich sie von zu Hause in Erinnerung habe, sind hier kaum zu entdecken. Es drängt sich quasi der Gedanke auf, dass viel frische Luft, Bewegung und gutes (hier fischreiches) Essen dem allgemeinen Wohlbefinden enorm zuträglich ist und die Laune nachhaltig verbessert. Sollte ich im (noch höherem) Alter nach Deutschland zurückkehren, möchte ich mich an meine Zeit im Süden erinnern, den inneren Schweinehund überwinden und viel aktive Zeit draußen verbringen!

Zugegebenermaßen haben die oben beschriebenen Beobachtungen allenfalls mit der ersten Hälfte der Überschrift zu tun. Da dies aber ein „Segelblog“ ist, kommt hier nun auch der maritime Bezug. Unglaublich viele Segelyachten sind mit lediglich einer Person bemannt – und zwar beMANNt im wortwörtlichen Sinne, denn zu 99,9% sind es Männer, ältere Männer, die allein unterwegs sind. Warum ist dies so? Mit einigen Ein(falten)Hand-Seglern habe ich gesprochen. Verschiedene von ihnen waren, zumindest auf dem Papier, nicht allein. Die Frau würde später nachkommen, die Frau hat keine Lust auf längere Schläge, die Frau ist ebenfalls allein zum Wandern unterwegs – solche Aussagen halt. Warum ist das so? Fakt ist, dass die Fahrtensegler von heute im Allgemeinen bereits im Ruhestand sind. Wir haben nur ganz wenige Segler getroffen, die in unserem Alter oder jünger waren. Was hält den Nachwuchs von den Meeren dieser Welt fern? Auch hier habe ich mit einigen, daheimgebliebenen gesprochen. In erster Linie wird der Job und die Karriere als Hinderungsgrund ins Feld geführt. Weitere Punkte sind, die finanzierte Wohnung oder Haus welches abgezahlt werden muss, die Familie, die geplanten Kinder, etc. Alles Gründe, die ich sehr gut nachvollziehen kann und zu dessen Lösung ich kein Patenrezept habe. Jeder muss sein Leben so gestalten, wie er denkt. Was sich jeder jedoch immer wieder selbst fragen sollte ist: macht mich mein Leben glücklich? Sind diese Gründe, eine längere Segelreise lieber in die Schublade „Träume“ zu verbannen, eventuell Schuld daran, warum jetzt so viele allein unterwegs sind? Nach dem Motto, wenn ich erstmal in Rente bin, dann mache ich das! Jetzt kommt aber der Hammer: Viele von den alten Seebären, die ihre Freiheit und Ungebundenheit in vollen Zügen genießen könnten, haben dieselbe verbitterte Miene aufgesetzt, die ich bereits oben beschrieben habe und von zu Hause her kannte. Vielleicht ist die Einsamkeit auf dem Meer gar nicht so erstrebenswert, wie es manchmal scheint oder einem selber ab und wann durch den Kopf geht. Eventuell hat die Wissenschaft ja doch recht, wenn sie behauptet, dass der Mensch ein Herdentier ist. Macht es dann unter Umständen Sinn, dass wir unsere Frauen oder Lebenspartner schon heute mehr an dem Glück des Segelns teilhaben lassen? Planen, Navigieren, Revierführer wälzen – all das kann auch zusammen viel Freude machen. Der darauffolgende Törn wird dann bestimmt für alle Beteiligten ein erfüllter Traum und damit meine ich nicht ausschließlich den Schlag über einen Ozean, sondern ebenso die Urlaubsreise in die dänische Südsee.

Mal ehrlich – geteilte Freude ist doch die größere Freude, oder?! Wenn ich mir es wünschen darf, möchte ich später nicht allein aus der Boxengasse fahren, einem alten Elefantenbullen gleich der einsam seine letzte Reise antritt.

Fazit: Macht euch mal hübsch, nicht aus Gründen der materiellen Zurschaustellung, sondern aus Respekt eurem Partner gegenüber und nutzt den Winter und plant zusammen!

 

By the way: jetzt habe ich so viel über ältere Menschen geschrieben, da fällt mir spontan „Corega Tabs“ ein (bereits Betroffene sehen mir dies bitte nach…). Wir wollten zu gegebener Zeit mal eine Sammlung aus unserer Sicht und Erfahrung nach nützlichen „Tipps & Tricks“ zusammenschreiben.

Hier schon mal ein Vorgeschmack: Viele von euch haben einen Seewasservorfilter zur groben Reinigung des Kühlwassers installiert (und diejenigen, die noch keinen haben, sollten im Winter dringend mal einen nachrüsten). Auch, wenn man das, Plastiksieb leert, bleiben unschöne, organische Reste in dem feinen Sieb hängen. Auch der Kunststoffkörper, in dem der Vorfiltereinsatz steckt, ist mit einem undefinierbaren Schleim bedeckt. Schmeißt einfach über Nacht 1 bis 2 Corega Tabs (oder ähnliche Hersteller) in den Seewasserfilter und dreht den Deckel wieder zu. Die Seewasserventile sollten geöffnet bleiben, da sich durch das Aufschäumen ein gewisser Druck aufbaut. Am nächsten Morgen sollte dann alles wieder „Perlweiß“ sein – würde die Zahnarztfrau sagen. Dieses Verfahren ist weder von der EU geprüft oder von Herstellern mit Garantiesiegeln versehen. Bei uns klappt das aber gut! Denkt bitte daran, dass Ihr das erste Seewasser nach dem Anlassen der Maschine mit einem Eimer auffangt fachgerecht entsorgt.

 

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5 Replies to “Die alten Männer und das Meer”

  1. Hey ihr Seeperen (oder besser Seepaar?) Forgeschrittenes Alter? Pfff, no matter at all! Die Frage nach Glück im Leben? Ich weiß aus eigener Erfahrung, definitiv nicht Geld, Job und Karriere. Zeit, offene Sinne, ein „echter“ Partner und respektvoller Umgang mit allen (!!!) Menschen sind viel wichtiger. Und was das segeln bzw. die Einbindung der Partnerin: Da habe ich wohl seltenes Glück gehabt mit Beate , Chefnavigatorin, Wetterfee und Vorschoterin (ohne Rollfock und bei jedem Wetter!) Was die ganzen vergrämten Gesichter in D angeht: Das sehe ich genauso und genieße die Lebensfreude hier in Brasilien sehr (noch, wer weiß wo es 2019 hin geht) Take care you two!

    1. Lieber Norbert,
      Du hast recht! Mit unseren Frauen haben wir wohl wirklich großes Glück gefunden!
      Gut, dass Du mich daran erinnerst- oft nimmt man(n) viele Dinge an Bord einfach als selbstverständlich hin…
      Herzliche Grüße in die große Stadt
      Dein Seepeer & Crew

  2. Einfach großartig, gratuliere! Ich freue schon auf weitere Berichte von
    der Schnecke, der die Überquerung der Autobahn vor dem Elbtunnel
    trotz des grausligen Verkehrs gelungen ist. 👀💩

  3. Hallo Peer, deine Eindrücke sind bestimmt dem Umstand geschuldet, dass ihr euch bisher eher in Küstennähe aufgehalten habt. Auf den Inseln wird das bestimmt anders. Hier sind auch deutlich mehr jüngere Segler(-Paare) unterwegs. Vielleicht spielt auch die Jahreszeit eine Rolle. Je näher ihr der Hauptroute Richtung Karibik kommt, desto jünger wird der Altersschnitt. Eine graue Flotte, wie in der Ostsee, haben wir in dem Maße in den letzten Jahren jedenfalls nicht beobachten können. Euch weiterhin eine schöne Reise und be relaxt
    SY Festina lente

    1. Hallo- ihr Beiden!
      Wir freuen uns auch schon, wenn es weiter geht… Doch zunächst müssen wir mit unserem jüngsten Crewmitglied etwas im Mittelmeer üben. Unsere Nucha wird das aber bestimmt toll machen!
      Euch ebenfalls eine tolle Zeit und liebe Grüße von uns Allen
      Peer

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