Gedanken einer Nachtwache

Gedanken einer Nachtwache

Moin,

seit unserem letzten Blogeintrag sind bereits einige Tage vergangen. Wir waren jedoch nicht untätig! Schiff aufräumen, Arbeitslisten erstellen und was sonst alles dazu gehört. Die „to do- Liste“ umfasst derzeit 34 Punkte. Womit wir uns hier den Winter „versüßen“, stelle ich aber in einem anderen Beitrag vor. Vom Segeln haben wir leider nichts zu berichten, da bleiben nur die Erinnerungen und Gedanken aus den vergangenen Wochen. Zum Thema „Gedanken“ habe ich mir während einer Nachtwache viele Gedanken gemacht. Der folgende Artikel ist gerade im aktuellem Heft vom „Trans Ocean e.V.“ erschienen. (es sind aber sicherlich nicht alle Leser unseres Blogs im „Trans Ocean“) Danke fürs Lesen…

 

Rüm Hart – Klar Kimming

 

Der Spruch: „Rüm Hart – Klar Kimming“ kommt aus dem Friesischen und bedeutet so viel wie „weites Herz – klarer Horizont“. Die alten Kapitäne der friesischen Küste, wählten diese Formulierung, um ihre „Weltläufigkeit“ zu unterstreichen. Synonyme für „weltläufig“ wären beispielsweise: weltmännisch, erfahren, klug, gewandt und routiniert. Welcher kleine, ambitionierte Freizeitkapitän strebt nicht danach diese Eigenschaften zu erlangen?  Ein hochgestecktes Ziel ist es allemal…

Eine schöne und verlockende Vorstellung- ich stehe am Ruder meines Bootes, der Wind treibt es beständig nach vorn, leicht und elegant schneidet der Bug durch die Wellen, der Himmel ist klar, vereinzelt ziehen weiße Wolken vorüber, die Sonne scheint auf mein wettergegerbtes Gesicht, mit klaren und wachen Augen schaue ich nach vorn, sicher im Stand, komme was da wolle, mein Herz ist offen für alle Dinge, die mich in der Ferne erwarten…

Ein Wunsch? Ein Traum? Sicherlich aber nicht die eigene Realität!

Unweigerlich entstehen vor meinem inneren Auge Bilder von alten, erfahrenen Seeleuten, die als Bronzestatue den einen oder anderen Hafenbereich zieren. Allerdings ist es so, dass keiner der abgebildeten Seefahrer nach oben in die Segel schaut, um deren korrekten Stand zu überprüfen. Nie schaut auch nur einer nach hinten, um sich zu vergewissern, dass kein Brecher das Schiff von achtern überrollt. Alles scheint sich nur vor dem Bug abzuspielen- also da, wo man noch gar nicht ist oder war…

Sollte ich ein Bild von mir in ähnlichen Situationen skizzieren, so wäre dieses doch deutlich anders. So gern ich auch sein wollte, wie die alten „Salzbuckel“, so sehr werden mir meine selbstkreierten „Stolpersteine“ bewusst. Auch ich stehe bei Zeiten am Ruder meines Schiffes und richte den Blick nach vorn- jedoch nur solange, bis Zweifel an meinem Handeln aufkommen. Ist der Kurs auch richtig? Habe ich vielleicht zu viel Segelfläche gesetzt? Wie wird das Wetter? Darf ich schlafen? Was, wenn ich über ein treibendes Hindernis fahre? Wer verfolgt meine Route? Bin ich zu langsam? Noch viele, weitere Fragen beschäftigen mich und halten mich vom Handeln ab. Die Gedanken kommen und ich halte sie fest.

Es ist fast so, als käme ein Riesenkrake aus der Tiefe des Meeres, wie ein Schatten- unangekündigt, beängstigend, stark und unbarmherzig. Seine riesigen und kräftigen Fangarme wollen nach mir greifen. Sie bahnen sich langsam über den Rumpf des Schiffes ihren Weg und kommen langsam und bedrohlich näher. Ich sehe sie kommen! Nicht mit einem Schlag, sondern umhersuchend und wie eine Schlange im Gras. Nahezu panisch nehme ich mir einen Gegenstand und schlage auf die Tentakel ein. Meine ganze Aufmerksamkeit hat nun dieses „Monster“- kein Blick verschwende ich mehr an den Kompass oder meine Navigationsinstrumente.

Es gibt nur noch den Riesenkalmar und mich. Sobald ich meine, einen Fangarm abgewehrt zu haben, kommt schon der nächste. Schier unendlich viele tauchen aus dem Wasser auf und bahnen sich ihren Weg zu mir…

Nach einer ganzen Weile ist der Kampf vorüber. Vollkommen erschöpft liege ich am Boden, unfähig meiner Arbeit nachzugehen- unfähig zu essen oder zu trinken- schlicht handlungsunfähig. Hilflos liege ich nur da.

Die Angriffe kommen aus dem Nichts. Manchmal vom Bug aus, wenn ich gerade meinen Blick nach vorn richte um zu sehen, was mich erwartet. Manchmal aber auch vom Heck des Bootes aus, wenn ich gerade schauen möchte, ob ich etwas auf der Fahrt verloren habe oder welche Strecke bereits hinter mir liegt. Nie jedoch, wenn ich gerade damit beschäftigt bin, ein gegenwärtiges Problem zu lösen. Ein Zufall? Es ist an der Zeit, die Angriffe und deren Verläufe zu analysieren.

Ein Monstrum dieser Größe- mit unzähligen Fangarmen, die länger sind als mein Schiff- einem unwirklichen, unförmigen Kopf mit leeren, nichtssagenden Augen- einem gelbbraunen, zerklüfteten, stinkenden Schnabel der vermuten lässt schon viele, verlorene Seelen zerrissen zu haben… Solch eine Kreatur kann man nicht töten… Dennoch hat sie es bislang noch nie geschafft, mich in die dunkle Tiefe zu ziehen… Woher kommt es? Was will es? Meine Aufmerksamkeit? Die hat es, und zwar meine gesamte!

Rüm Hart – Klar Kiming, gilt dieses Spruch für alle Bereiche des Lebens? Sollte ich auch einem lebensbedrohlichen Giganten der See mit weitem Herzen gegenübertreten?

Es ist Nacht- ich sitze im Cockpit meines Schiffes und schaue ins Kielwasser… Nachdenklich, ob mein Entschluss, liebe Menschen zurückgelassen zu haben, der richtige war… Es fängt erst leise an zu plätschern. Schatten zeichnen sich unter der Wasseroberfläche ab- oh nein, es kommt… Im faden Schein des, mit Wolken verhangenen, Mondes kann ich seine Tentakel erkennen. Mein Blick wendet sich ab- ich schaue auf meine Instrumente, den Kompass und kontrolliere die Stellung der Segel. Im Augenwinkel sehe ich die Fangarme, wie sie links und rechts von mir in Angriffsposition gehen. Mein Messer lasse ich aber in der Gürteltasche. Die Angst und Furcht in mir steigt schier in das unermessliche. Es ist kaum möglich, den Anblick auszuhalten. Meine Fäuste ballen sich in den tiefen Taschen meiner Jacke- bleiben aber dort. Wie wabernde Schleier im Wind umgeben mich die Arme des Monsters- sie packen aber nicht zu. Keinen Finger rühre ich, auch das Ungeheuer macht nichts- es ist einfach da. Nach einer unendlich erscheinenden Zeit, mein Blick fokussierte die Seekarte, glitt der Riesenkrake langsam und lautlos zurück ins Wasser. Die langen Arme bäumten sich noch kurz auf und taumelten herum, berührten mich aber nicht.

Einige Tage später, die Sonne verschwand- es wurde dunkel und kalt, sah ich, dass sich wieder Tentakel um Tentakel über das Vorschiff auf mich zu bewegten… Es war gespenstisch- ich machte aber keine Anstalten, mich nach allen Kräften zu verteidigen. Ich beobachte- machte aber nichts. Auch aus dieser Situation kam ich unbeschadet davon. Kein Arm griff nach mir und als es vorbei war, stand ich ebenso am Ruder, wie zuvor auch. Es greift mich nicht an, wenn ich es nicht angreife.

Die Wochen und Monate vergingen. Immer wieder bekam ich Besuch von dem Wesen aus der Tiefe. Fast freundschaftlich nahmen wir uns nun gegenseitig wahr und schauten uns für eine gewisse Zeit in die Augen. Sobald jedoch eine andere Situation meine sofortige Aufmerksamkeit erforderte, löste ich den Blick von der Kreatur und konzentrierte mich auf mein gegenwärtiges handeln.

Mein Herz ist offen – meine Wahrnehmung, für den in der Ferne liegenden Horizont, ungetrübt und klar. So möchte ich am Ruder meines Schiffes stehen. Unvoreingenommen möchte ich mich mit mir und der Welt beschäftigen. Offen für neue Erlebnisse aber auch offen für die eigenen Gedanken, ob sie nun aus der Vergangenheit oder aus der Zukunft kommen mögen. Auch möchte ich „offen“ für mich selbst sein. Das eigene „ich“ erkennen und lernen es zu akzeptieren- mit allen Ecken und Kanten. Der alte Seemann der als Bronzestatue unbeeindruckt im Sturm und Regen sein Blick gerade aus und nach vorn richtet- der steht einfach da! Seien wir mal ehrlich- der ist von Innen aber auch hohl… Nein, hohl möchte ich nicht sein!

Die Reise wird sicherlich beschwerlich – viele Herausforderungen wollen bewältigt werden – Rückschläge werden kommen. Keiner kann das Meer bezwingen – der Wind wird sich nicht den eigenen Willen beugen. Die See bereichert uns mit Demut. Es geht nur mit ihr- nicht gegen sie.

Dennoch- ich bin bereit! Leinen los…

 

 

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One Reply to “Gedanken einer Nachtwache”

  1. Hallo, Peer,
    als ich deinen Text im TO-Magazin gelesen habe, hat er mich an unseren Start von Gibraltar aus in den Atlantik erinnert. Angesichts von Windstärken und Wellenhöhen, die wir bis dahin nicht erfahren hatten, kroch mir die Angst im Nacken hoch. Ein, zwei Tage lang kam dieses Gefühl immer wieder hoch. Allmählich aber wurde es abgelöst durch ein Gefühl des Aufgehobenseins, ja sogar einer gewissen Sicherheit. Die Wellen hoben das Schiff und senkten es wieder ab – ein ewiger Rhythmus. Und die eigene Winzigkeit angesichts des überwältigend großen Universums wurde mir besonders bei den Nachtwachen bewusst. Ja, Demut stellte sich ein. Gefordert war ein Hinnehmen der Naturkräfte, kein Kampf gegen sie, eher ein aktives Einstellen auf sie. Und natürlich kamen die Angstmomente immer mal wieder, z.B. als ein Fall durchgescheuert war und die Genua langsam runterrutschte. Immer wieder mussten Ängste überwunden werden, umso größer war die Freude, wenn man wieder mal ein Problem erfolgreich gelöst hatte. Und mit Worten kaum zu beschreiben ist das Hochgefühl, das einen ergreift, wenn man nach mehreren Wochen auf See am Horizont eine Küste erkennt. Bei uns war es Fernando de Noronha, die Insel vor Brasilien. Einfach unbeschreiblich!
    Ich wünsche euch eine gute Winterzeit im Süden!

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