Gibraltar Glue

Gibraltar Glue

Nein, so schlimm ist es denn doch nicht. Festgeklebt sind wir hier nicht, wir haben lediglich unsere Liegezeit in der Marina „La Linea“ (spanische Seite von Gibraltar) auf einen Monat fest gebucht- also vom 26.09.17 bis 26.10.17 liegen wir hier am Ponton Nr. 2 und genießen den Ausblick auf „the Rock“!

Wer hier mindestens einen Monat fest bucht und im Voraus zahlt, bekommt einen Rabatt von 9%. Wir wollen jetzt nicht anfangen zu sparen – die beschriebene Buchung wäre da sicherlich auch der verkehrte Weg… Wir kennen das ja: “Schau mal – die Schuhe waren heruntergesetzt und ich habe EUR 50,- gespart!“ Ja, klar- aber auch EUR 170,- ausgegeben… Also der Rabatt von 9% ist nicht der Grund unseres längeren Aufenthaltes. Warum also dann? Die Zeit in der Lagune von Olhaó war wirklich schön und gerne wären wir dort noch länger geblieben, aber irgendwann hat das ganze ja auch nichts mehr mit Fahrtensegeln zu tun und außerdem haben wir die Flüge für die Kids gebucht. Die Lütten kommen uns in den Herbstferien für 10 Tage besuchen und landen am 14.10.17 in Malagá. Gern hätten wir andere Flüge gebucht, beispielsweise direkt nach Gibraltar aber es geht nicht immer alles. Blöderweise gibt es nur wenige Fluggesellschaften, die Kinder im Alter von 12 Jahren auch ohne in Begleitung eines Erwachsenen einsteigen lassen. Die günstige „Ryanair“ gehört nicht dazu. Eine weitere Einschränkung zur Buchung sind Direktflüge – ungern möchten wir den Kindern zumuten, dass sie nach 12 Stunden Aufenthalt in Prag oder sonst wo umsteigen müssen, um nochmals den richtigen Einstieg aus der Vielfalt an Gates herauszufinden. Einen passenden Flug, der auch noch einigermaßen bezahlbar war, fanden wir nun von Hamburg nach Malagá und so auch wieder zurück.

Wer nun denkt, oh schön, da können die Lütten ja noch gemütlich an der Costa del Sol entlang schippern, der irrt etwas. Hier, im westlichen Mittelmeer, gibt es ein Phänomen Namens „Levante“. Dies ist keine spanische Eissorte, sondern ein Wind, der mit nicht unerheblicher Stärke aus dem östlichen Quadranten pustet. Eine wilde Achterbahnfahrt möchte ich mit Kindern an Bord und der dazugehörigen Verantwortung nicht riskieren. Sichere Ankerbuchten gibt es an der spanischen Festlandküste (in dem Bereich wo wir uns befinden / Gibraltar – Malagá) so gut wie überhaupt nicht. Zu allem Überfluss herrscht meist noch eine „Legerwall“- Situation vor. Kurze Erklärung: Legerwall bedeutet, dass ein Schiff aufgrund von Windrichtung, Wellen und/oder Meeresströmung in die Gefahr gerät, an der Küste aufzulaufen/zu stranden. Alles keine guten Voraussetzungen für einen entspannten Urlaub. Die Häfen entlang des Küstenabschnitts sind überdies teilweise mit sehr hohen Hafengebühren ausgestattet. Muss also auch kein Mensch haben! Tja, und aus diesem Grund hat uns etwas der „Gibraltar Glue“ gepackt. Es gibt hier aber auch ohne große Segelabenteuer viel zu entdecken. Nach dem Frühstück beispielsweise zu Fuß über ein Rollfeld ins Englische Königreich zu spazieren hat doch auch etwas,oder?! Wir werden uns es hier schon schön und gemütlich machen, dessen bin ich mir sicher!

Um ehrlich zu sein, haben mich die Etappen bis hier nach La Linea auch etwas ermüdet. Wie dem einen oder anderen sicherlich aufgefallen ist, entsprangen bisher alle Berichte auf unserer Website der Feder von Christine (was sie übrigens sehr toll gemacht hat, wie ich finde). Diese einseitige Schreiberei hatte auch ihre Gründe.

Leider gab es einige Tage, an denen der „schwarze Hund“ mich aufgestöbert und festgehalten hat. Wer mit dieser Umschreibung nichts anzufangen weiß, dem sei Google oder mein Text in „wir über uns“ zu empfehlen. Mich lässt diese Krankheit nicht los und ich habe mir selber auf die Fahne geschrieben, auch hierüber zu berichten. Das gehört zwar weniger zu einem Segelblog, doch mit unserer Reise wollte ich mir ja schließlich auch die Zeit nehmen, meine Seele in etwas ruhigere Fahrwasser zu lenken. Ungestörte Zeit, Zeit über Akzeptanz und persönliche Ziele nachzudenken. Es ist mir immer noch unbegreiflich, dass Themen wie Depressionen und Suizid in den Medien zwar ansatzweise publiziert werden, es aber keine – oder sehr wenige – Menschen gibt, die innerhalb der eigenen Familie oder im Bekanntenkreis Betroffene kennen wollen. Es wird im wahrsten Sinne des Wortes totgeschwiegen – oder besser geschwiegen bis der Tot Tatsache geworden ist.

Nur als Randnotiz: Im Jahr 2015 kam es auf deutschen Straßen zu 3.475 Verkehrsunfällen mit Todesfolge. Ein Jahr zuvor, 2014, wurden offiziell 10.209 Suizidtote gezählt. Eine Dunkelziffer kann hier keiner benennen.

Was hätte mir damals geholfen? Nach Außen offensichtliche Anzeichen wie Erschöpfung oder und Arbeitswut gepaart mit Rastlosigkeit, wurden zu oft mit Kommentaren wie „bist Du etwa schlecht drauf“? oder andersherum „Man, Du arbeitest ja wie ein Tier“ abgetan. Beide Anzeichnen, wie auch beide Kommentare haben in mir eine weitere Abwärtsbewegung in Gang gesetzt. „Bist Du etwa schlecht drauf“? führte mir deutlich vor Augen, dass ich den Anforderungen, die an mich gestellt wurden nicht gewachsen war. „Man, Du arbeitest ja wie ein Tier“ führte dazu, dass ich den eigenen Leistungsdruck hochschraubte und sich früher oder später ein Scheitern in der Erreichung der eigenen, nie zu erreichenden Ziele einstellte. Diese ungleichen Verhaltensweisen bestärken in jedem Fall die eigene, negative Sichtweise. Es wäre nun falsch zu schreiben, dass ich mich freuen würde, wenn sich einige von Euch in den beschriebenen Verhaltensmustern wieder erkennen würden. Diejenigen, die es eventuell tun, würden nur leise und unbeobachtet mit dem Kopf nicken. Es würde mich jedoch freuen, wenn ich den einen oder anderen dazu bewegen könnte, seine eigene Familie oder sein Umfeld etwas sensibler zu betrachten. Eine direkte Konfrontation und Gesprächsversuche halte ich persönlich (so hätte und würde ich es empfinden) nicht für ratsam. Vielleicht schreibt man sich in einer ruhigen Stunde mal gegenseitig auf einen Zettel, wann man das letzte Mal uneingeschränkte Freude empfunden hat – in welcher Situation? (im welchen Jahr?) Dieser Anfang sorgt dann sicherlich für reichlich Gesprächsstoff und nicht für Zoff…

Gerade schaue ich nach links unten, auf die Zählfunktion von „Word“- 965 Wörter, stand da gerade… 965 Wörter in 4,5 Stunden?! Egal, auch das kann jeder wissen. Es ist ja nun online, ohne Zeitdruck!

Den nächsten Bericht werde ich ganz bestimmt etwas fröhlicher und nicht so nachdenklich verfassen, versprochen!

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4 Replies to “Gibraltar Glue”

  1. Hallooooo, Ihr Lieben,
    aufmerksam verfolge ich Eure Aktivitäten und folge Eurer Route anhand von Karten…
    Peer, wie gut kann ich nachvollziehen, wie Du Dich fühlst… Oh, Mann, auf baldiges Auftauchen aus dem schwarzen Loch grüßt Euch herzlich Peter Parzival = die Schwerhörige aus Eilbek!

  2. Lieber Peer, es ist so schön zu lesen, dass du endlich etwas gefunden hast, was dir Freude bereitet! An die dunklen Tage kann ich mich gut erinnern aber ich wusste immer, dass du ein Kämpfer bist! Du hast es auf die Sonnenseite geschafft 🙂
    Fühl dich gedrückt und euch ganz viel Freude bei der Weiterfahrt

    1. Liebe Mareen,
      herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Es freut mich, dass Du auf unseren Blog schaust und “ja”- es geht mir schon besser. Bei Dir/Euch hat sich ja auch so einiges geändert… Alles erdenklich Gute wünsche ich Dir und Deiner kleinen Familie. Es würde mich freuen, wenn wir mal wieder telefonieren könnten… Beste Grüße- Peer

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